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Mann mit Knieschmerzen

Klärung von Begriffen nötig

Angesichts der gemeinsamen Grundursachen der rheumatischen Erkrankungen, die logischerweise auch eine einheitliche Basisbehandlung erfordern, erscheinen oft die diagnostischen Missverständnisse nicht mehr so bedeutungsvoll. Um die Möglichkeit zu solchen Irrtümern zu verringern, erscheint es aber angebracht, zunächst einige Begriffe zu klären und einiges über Anatomie und Funktion der Wirbelsäule, der Gelenke und Füße zu sagen, soweit es zum Verständnis der Schlussfolgerungen nötig ist.

Was hinter einer Ischias steckt

Ischias (Ischialgie) ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Fremdwort, das "Beinschmerzen" bedeutet. Es können also alle Erkrankungen, die zu Beinschmerzen führen, als Ischias bezeichnet werden. Es ist aber natürlich in jedem Fall eine genauere Diagnose erforderlich, um herauszufinden,

  • ob die (nicht "der") Ischias darauf beruht, dass einer der zahlreichen Nervenstränge, die das Bein versorgen, entzündet ist,
  • ob die Reizung dadurch entsteht, dass eine Geschwulst im kleinen Becken auf die durchtretenden Nervenwurzeln drückt,
  • ob die Schmerzen durch eine Entzündung oder durch andere Erkrankungen des Hüftgelenks Zustandekommen,
  • oder ob die aus der Wirbelsäule austretenden Nervenwurzeln, die ins Bein ziehen, durch eine Einengung der Durchtrittsstelle im Zwischenwirbelkanal behindert sind,
  • und ob diese Behinderung durch eine entzündliche Verdickung des umgebenden Bindegewebes oder durch den Druck eines Bandscheibenbruches (Diskushernie, Bandscheibenvorfall, sogenannte "Bandscheibe") oder durch Einengung des Zwischenwirbelkanals infolge einer Wirbelverschiebung verursacht ist.

Die Verschiebung von Wirbeln kann wiederum durch einen Unfall, durch eine unglückliche Bewegung, durch einen Bänderriss oder durch degenerative oder entzündliche Veränderungen der Wirbelsäule selbst zustande gekommen sein. Tochtergeschwülste von Krebs können im Bereich der Wirbelsäule auf austretende Nervenwurzeln drücken; im Bindegewebe kann Harnsäure abgelagert sein; es können krankhafte Verkrümmungen (Skoliose) der Wirbelsäule durch frühere Rachitis oder später durch Vitalstoffmangel entstanden sein; eine Tuberkulose kann Wirbel zerstört haben, oder es können Entzündungen der Wirbelgelenke die vorbeiziehenden Nerven in Mitleidenschaft ziehen.

All dies und noch manches andere kann Schmerzen im Bein hervorrufen, aber es ist trotzdem statthaft, diese Beschwerden mit dem Fremdwort Ischias zusammenzufassen. Wer es tut, gerät allerdings in den Verdacht, wissenschaftlich nicht auf der Höhe zu sein. Denn es ist modern, zu allem, was vom Nacken bis zur Grosszehe weh tut, "Bandscheibe" zu sagen; dann ist der Kranke beruhigt. Dass der Hauptnerv des Beines Ischiadicus und nicht Ischias heißt, sei nebenbei bemerkt. Der Hinweis erscheint aber dringend nötig, da nicht nur Laien ständig von ihrem Ischiasnerv sprechen, sondern diese Unexaktheit bereits in die medizinische Fachliteratur eingedrungen ist.

Da sich also unter "Ischias" die verschiedenartigsten Krankheiten verbergen, gibt es keine Behandlung der Ischias, sondern nur der jeweiligen Krankheit, die dahintersteckt. Angesichts der mannigfaltigen in Betracht kommenden Möglichkeiten ist die Diagnose oft nicht einfach. Da hiervon die geeignetsten Heilmaßnahmen abhängen, gehören Ischiasfälle stets in die Hand eines erfahrenen biologischen Arztes.

Der Hexenschuss

Wie bei der Ischias verstecken sich unter dem Begriff "Hexenschuss" (Lumbago) dieselben eben erwähnten Krankheiten, nur mit dem Unterschied, dass der Schmerzbereich nicht in den Beinen, sondern in der Kreuzgegend liegt und dass der Schmerz, wie der Name sagt, wie angeschossen, plötzlich auftritt. Entsteht der Schmerz im Anschluss an eine brüske Bewegung, liegen meist mechanische Veränderungen im Bereich der Muskeln und Bänder vor. Hier ist logischerweise eine mechanische Behandlung in Form der Chiropraktik das Mittel der Wahl und entsprechend rasch hilfreich. Bei sich allmählich einstellenden Schmerzen sollte man dagegen nicht von Hexenschuss sprechen.

Aus dem Buch "Rheuma" von Dr. med. M. O. Bruker, emu-Verlag Lahnstein.
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